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Zum zweiten Advent ein Ausschnitt aus unserer düsteren Weihnachtsgeschichte …

Die Straßenlampen, die zwischen den Häusern gespannt waren, quietschten leise im Wind und warfen schwankende Lichtkegel in die Dunkelheit. Darks Mantelsaum schleifte über den Matsch auf dem Kopfsteinpflaster, und ich hoffte, wir würden niemandem begegnen, der uns kannte.
„Was für eine winzige Stadt“, murmelte Dark. „Und trotzdem kennst du nicht alles. Du kannst dir nie sicher sein … Im Dom zum Beispiel …“
„Was?“
„Wusstest du, dass noch nie ein Bischof einen Fuß über die Schwelle dieses Domes gesetzt hat?“
„Naja, es ist ja auch kein richtiger Dom. Er wird doch nur so genannt.“
„Und? Vielleicht gibt es ja noch andere Gründe, verborgene?“ Darks Augen blitzten. „Wir schauen mal hinter die Fassade, Fredo!“ Dann schlug er seinen Mantel wie Christopher Lee in den alten Vampir-Filmen weit im Kreis herum und eilte zu den 99 Treppenstufen, die zum Dom hinaufführten.
Das Portal war verschlossen.
„Doch nicht hier!“ Dark schüttelte den Kopf und schlurfte an der Kirchenmauer entlang. Er verschwand um die Ecke, an der ein schmaler Weg zum Hintereingang des alten Pfarrhauses führte. Und er ging noch weiter um den Dom herum, bis wir vor einem Holzverschlag standen, der sich direkt an die Mauer lehnte. Die Tür hatte keine Klinke, doch in der Glasfläche darüber war ein faustgroßes Loch. Dark steckte seine Hand hindurch und fummelte innen an der Tür.
„Also, ich weiß nicht, ob wir hier rein…“
„Ist doch offen!“ Die Tür schnappte auf, und Dark zog seine Hand zurück. „Ich zeig dir was.“ Er winkte mir, ihm in die Hütte zu folgen. Wir gingen zwischen Haufen ausrangierten Gerümpels hindurch. Einer türmte sich fast bis an die Decke. Ich konnte einen museumsreifen Staubsauger darin ausmachen, alte, aneinander klebende Kerzen, ein verbeultes Weihrauchgefäß und massenweise Schachteln mit Weihnachtskugeln. Das Licht einer Straßenlaterne fiel durch die stellenweise zerdepperten Fenster direkt darauf.
Ich schrak zusammen, als ein Vogel quer durch den Raum schoss und flatternd die Flucht nach draußen antrat. Irgendetwas fiepte aufgeregt. Dark kicherte, griff danach und hielt es mir entgegen: In einem verstaubten Totenkopf, dem die Hälfte der Schädeldecke weg gebrochen war, hatte der Vogel sein Nest gebaut. Und drinnen hockten drei winzige Vogelkinder und streckten krähend ihre Schlünde nach oben. Als Dark ihnen seinen kleinen Finger wie einen Wurm hinhielt, wurde mir flau im Magen. Ich rumpelte nach hinten und stieß gegen den Plunder. In den ganzen Berg kam Bewegung, und noch bevor ich mich ducken konnte, sauste etwas von oben herab und rauschte klirrend in den Weihnachtsschmuck. Es war ein Leuchter mit sieben Engeln, deren pfeilspitze Flügel sich in die Schachteln und die Kugeln bohrten.
„Wir müssen noch den Weihnachtsbaum schmücken“, brachte ich nur heraus und trat den Rückzug an.

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