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aus: Wenn die Trubeljule kommt, bibliophiles #ebook von Thomas Endl

Advent3

Die Geister von London

Wenn abends Mama in Katharinas Zimmer ruft: „Jetzt wird es aber Zeit“, dann geht es erst richtig los. Denn dann erscheint die Trubeljule. Ihre grauen Haare stehen wild ab und zittern, als sie kräht: „Genau: Jetzt ist es Zeit … für London!“

Und schon sieht Katharina gar nichts mehr. Dichter Nebel wabert um sie herum.
„Herrje, am schlimmsten ist es nachts an der Themse“, stöhnt die Trubeljule, wedelt mit den Armen im Nebel herum, bis er sich etwas lichtet und zeigt auf den Fluss, den sie meint. „Aber wenn man sich im Nebel verlaufen hat, wartet man einfach, bis man die Glocken von Big Ben hört. Das ist ein hoher Turm, an dem man sich dann prima orientieren kann.“
Katharina und die Trubeljule warten. Aber lange hält es die Trubeljule nicht aus. „Hach, wir gehen einfach mal links.“

Vor ihnen tut sich ein Gewirr von engen Gassen auf. Alle Fenster sind dunkel.
„Nix los hier“, seufzt die Trubeljule gerade, als Lärm die Gasse erfüllt. Pferdeschnauben und Peitschengeknall. Katharina und die Trubeljule springen zur Seite, und eine schwarze Kutsche prescht an ihnen vorbei. Doch sie fährt nicht. Schwebend biegt sie um die nächste Ecke und hält auf einem Platz. Ohne dass sich die Kutschentür öffnet, steigt eine weiß gewandete Frau aus. Wie sie selbst ist auch der Mops, den sie auf dem Arm hat, halb durchsichtig. Sie verschwinden durch die geschlossene Eingangstür eines hohen Hauses.
„Ich sag doch, dass in London immer was los ist!“, freut sich die Trubeljule und zieht Katharina mit zu einem Fenster des Hauses, das hell erleuchtet und einen Spalt geöffnet ist.

Drinnen hat sich eine ganze Gesellschaft halb durchsichtiger Gestalten versammelt: ein Mann mit Dudelsack im Schottenrock, ein Knabe mit Matrosenmütze und weiß-blauem Ringelshirt, ein unrasierter Kerl, der an einem Bein eine schwere Kette samt Eisenkugel hinter sich her schleift, und eine zauselige Alte im Nachthemd.
„Du bist spät dran“, zischt die Zauselige die weiße Frau an.
„Wir haben den Einsatzplan fast schon fertig“, näselt der Mann im Schottenrock.
„Für dich bleiben nur noch ein paar wenige Gassen zum Spuken übrig!“, poltert der Unrasierte.
Der kleine Matrose reicht der weißen Frau ein Papier. „Schnell, trag deine Termine ein. Sonst wird es nichts mehr mit dem Spukplan für die kommende Woche. Gleich schlägt Big Ben ein Uhr!“
Der Mops quietscht erschrocken und springt der weißen Frau vom Arm. Ausgerechnet auf der Eisenkette des Unrasierten landet er, verheddert sich darin und zerrt daran. Der Unrasierte verliert das Gleichgewicht und stürzt auf den Dudelsack des Schotten. Ein fürchterliches Gepfeife entfährt dem Instrument. Und die Zauselige kreischt, als der Mops unter ihrem Nachthemd hindurchflitzt, um sich hinter einen Sessel zu flüchten.

Laut schallt über London der Schlag mehrerer Glocken hinweg: „Bing bang bung bong, bong bang bing bung“.
„Ach, jetzt weiß ich, wo wir sind“, flüstert die Trubeljule Katharina zu. „Im Spukhaus am Berkeley-Platz.“
Da lösen sich die Geister vor Katharinas Augen in Nichts auf. Und Nebel verhüllt das ganze Haus.
Mit beiden Armen wedelt Katharina den Nebel fort. Dahinter erscheint ihr Zimmer.

„Jetzt ist es aber wirklich Zeit“, sagt Mama und kommt zu ihr herein. Katharina nickt, kichert und läuft ins Bad.
„Ob Geister sich wohl auch die Zähne putzen müssen?“, fragt sie sich und drückt auf die Zahnpastatube.

Edi Schmusebär wird staunen, was Katharina ihm alles zu erzählen hat!

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