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4Advent
In der Hoffnung, dass euch nie ein echter Bibliotheksdrache den Zugang zu den Objekten der Begierde verwehrt 😉 –

aus: Thomas Endl, „Prinzessin der Nacht – Ein phantastischer Roman“, bibliophiles Kindle-E-Book

Dann erst sah sie den massiven Schreibtisch, hinter dem eine Frau wie eine Wächterin saß. An ihr musste man vorbei, wollte man die Schätze der Bibliothek erkunden. Die Finger ihrer linken Hand steckten in einem Karteikasten, fast so, als wären sie darin festgewachsen. Mit der rechten ruckelte die Frau an ihrer Brille, um Skaia ins Visier zu nehmen. Spitz wie Pfeile zielten Nase und Kinn auf Skaia. Wenn man es recht bedachte, war an der Frau alles spitz. Die Wangenknochen drängten wie kleine Kegel nach vorne, die Brille hatte seitlich der Gläser kleine Ausleger, mit denen man vermutlich gut Kerne aus Zitronenscheiben pulen konnte. Die Ohrläppchen wiesen wie kleine Messer hinab zu den knochigen Schultergelenken, die sich unter der schneeweißen Bluse abzeichneten. Und bei jeder Kopfbewegung stieß ein schwarzes Haarbüschel, das sich aus dem straffen Dutt befreit hatte, in die Luft.
„Fräulein Martha?“, fragte Skaia.
„Bitte?“, kam es zurück.
„Ich wollte in ein paar Bücher hineinschauen“, erklärte Skaia.
„Deinen Ausweis!“
„Ich habe keinen Ausweis.“
„Dann kannst du auch nicht herein.“
„Aber ich wollte doch nur ganz kurz …“
„Wie stellst du dir das vor, Kind? Das ist ganz unmöglich. Ich habe meine Vorschriften. Jeder braucht zuerst einen Ausweis! Hat er einen Ausweis, kann er damit herein. Jederzeit. Selbst, wenn hier nicht besetzt ist. Aber ohne Ausweis? Nein!“
„Können Sie mir denn keinen ausstellen?“
„Warum sollte ich das nicht können? Hat das jemand behauptet?“
„Nein, aber …“
„Na also.“ Mit einem Kopfschütteln wandte Fräulein Martha sich ihren Karteikärtchen zu. Sie kramte sich durchs Alphabet, zog ab und zu ein Kärtchen heraus, machte darauf Notizen und steckte es wieder zurück. Es sah ganz und gar nicht danach aus, als ob sie dabei war, Skaia einen Ausweis auszustellen.
„Wollten Sie mir denn nicht …“
Die Bibliothekarin fuhr hoch. „Wie? Was? Du bist ja immer noch da. Was willst du denn noch?“
„In die Bibliothek!“
„Aber du weißt doch, ohne Ausweis …“
„Dann stellen Sie mir bitte einen aus!“, sagte Skaia und betonte dabei jedes Wort so nachdrücklich wie sie nur konnte.
Die Bibliothekarin warf Skaia einen entnervten Blick zu. Dann forderte sie: „Nummer, Name.“
Folgsam nannte Skaia ihre zwölfstellige Personenkennzahl und ihren Namen, woraufhin Fräulein Martha aus einer Schublade einen dicken, an den Kanten leicht ramponierten Ordner aufschlug. Es waren allerdings nur wenige Blätter darin abgeheftet. Rasch hatte Fräulein Martha sie durchgesehen.
„Liegt kein Antrag vor“, gab sie bekannt. „Kein Antrag, kein Ausweis, keine Bücher.“
Als Dreizehnjährige hatte sie in Solterra längst genug Erfahrungen dieser Art gemacht und sich abgewöhnt, ärgerlich zu werden. Man konnte froh sein, wenn der jeweils Zuständige kein dickes Nachschlagewerk auf den Tisch wuchtete und erst einmal stundenlang blätterte, um zu prüfen, welche Voraussetzungen es unter welchen Bedingungen eventuell möglich machten, überhaupt einen Antrag zu stellen ― und welche Einschränkungen dabei zu beachten waren.
Insofern war es von Skaia fast frech, als sie Fräulein Martha entgegnete: „Dann stelle ich eben einen Antrag!“
Fräulein Martha wurde noch spitzer im Gesicht, was nur dadurch möglich war, dass sich ihre Lippen fischmäulig nach vorne stülpten. Dann ratterten die Regeln aus ihr heraus: „Antragsberechtigt sind Eingeweihte, Wissenschaftler, sofern sie von mindestens drei führenden, ebenfalls antragsberechtigten Kollegen empfohlen worden sind, die Direktoren der zwölf zentralen Anstalten und deren Vertreter, Erzieher, wenn sie eine herausragende Position bekleiden oder ein berechtigtes Interesse nachweisen können, sowie alle Träger des Sonnenordens erster Klasse. Gehörst du zu einer dieser Gruppen?“
Skaia musste zugeben, dass sie sich in der Aufzählung nicht wiederfand. Aber Missjö Sufflee fiel auch nicht gerade unter diese Bedingungen. Dennoch hatte er Zutritt erhalten.
„Und der Koch?“
„Der Koch?“ Fräulein Marthas Augen zuckten mit einem Mal irritiert hin und her.
„Hat wahrscheinlich ein Törtchen vorbeigebracht. Weil er weiß, wie gerne Sie die haben“. Skaia hatte keine Ahnung, ob sie mit ihrer Strategie Erfolg haben würde, schließlich konnte sie bloß Vermutungen darüber anstellen, wie Missjö Sufflee diesen Bibliotheksdrachen gnädig gestimmt hatte.
„Er hat nur geblättert. Nichts ausgeliehen. Keinen Ausweis bekommen. War immer unter meiner Aufsicht.“
Wenige Augenblicke später stand Skaia mitten in der Bibliothek.

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